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Das Geheimnis der Sensomotorik
Behandlungsmöglichkeiten durch den Physiotherapeut
Aktio = Reaktio
Seminartermine
Seminartermine 2019

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Behandlungsmöglichkeiten durch den Physiotherapeut

 


Bernd Rockenfeller: Im folgenden Beitrag werden physiotherapeutische Befund- und Behandlungsmöglichkeiten am Beispiel einer Patientin mit funktioneller Beinlängendifferenz demonstiert.

Unterschiedlich lange Beine müssen nicht immer ein Grund zur Besorgnis sein. Zirka 50 Prozent aller Erwachsenen haben Beinlängendifferenzen von wenigen Millimetern bis hin zu "mehreren" Zentimetern, für den Menschen selbst, oft ohne deutlich spürbare Folgen.

Deshalb suchen die Patienten den Arzt oder Chiropraktiker in den seltensten Fällen wegen ihrer verschieden langer Beine auf, sondern in der Regel erstmals, wenn Beschwerden auftreten, deren Ursache aus einem Längenunterschied resultieren könnte. In einer ausgiebigen Befundung sind zwei Formen von Beinlängendifferenzen zu unterscheiden: anatomisch bedingte und funktionell bedingte Unterschiede

Die Ursachen
Die Ursachen einer funktionellen Beinlängendifferenz sind vielfältig und können unter anderem durch Haltungsschäden, Muskelverkürzungen, -überdehnungen oder Muskelverhärtungen hervorgerufen werden. Auch sollte die Beeinflussung einer Fehlstellung des Kiefergelenkes auf die Haltung der Wirbelsäule in Betracht gezogen werden.

Nicht zu vernachlässigen sind muskuläre Dysbalancen, angefangen vom Fuß über Unterschenkel, Oberschenkel, Hüfte, Lendenwirbel,Brustwirbel und Halswirbelsäule. Beckenverwringung, Blockierung des iliosacral-Gelenkes sowie Blockierungen der Rippenwirbelgelenke (costotransversal-Gelenke) sind weitere mögliche Ursachen eines Längenunterschiedes.

Befundung und Behandung
Die Patientin Frau R., wurde von ihrem Orthopäden mit der Diagnose - reversible ISG-Blockade links, Beckenschiefstand, funktionelle Beinlängendifferenz - zur Durchführung physiotherapeutischer Maßnahmen an uns weiterempfohlen (siehe Abb. 1). Der Behandlung, wie im folgenden Fall beschrieben, ging eine eingehende Untersuchung der Patientin voraus, welche sich über Ganganalyse, ein Sicht- und Palpationsbefund im Stehen, in Bauchlage und in Rückenlage erstreckte. Nach Auswertung der Ergebnisse stellte sich für uns eine Rotationsfehlstellung des illiums links in anteriorer Richtung dar. Spina iliaca posterior superior (SIPS) waren links höher palpabel als rechts und die Spina iliaca anterior superior (SIAS) waren links tiefer palpabel als rechts. Dies jedoch alleine ergibt noch keine Aussage darüber, auf welcher Seite die ISG-Blockade vorliegt.

In Anbetracht der großen Zahl von ISG-Tests stellt sich die Frage, welche Bewegungstests zur zuverlässigen Erkennung einer Störung des Gelenkspieles herangezogen werden können. Wir haben uns für die Gelenkspieltestung bei Fixation eines Gelenkpartners entschieden (Abb. 2).

Es ist ein spezifischer Test, da bei Fixierung eines Gelenkpartners der andere sehr gut dagegen mobilisiert werden kann. Und dient zum Einen als Beweglichkeitstest des nicht blockierten Gelenkes und zum Anderen als Provokationstest am blockierten Gelenk (Dieser Test wurde gleichzeitig als Therapeutische Maßnahme, zur Behebung der Blockade herangezogen).
Da ihr linkes ISG in regelmäßigen Abständen zur Blockierung neigt, sich also kurz nach einer Mobilisation wieder "verriegelt" (reversible Blockade), kann die primäre Ursache nicht im ISG selbst liegen. So zeigte sich nach der Behandlung zwar eine deutliche Korrektur des Beckenschiefstandes, aber schon nach wenigen Schritten und Treppenstufen ergab sich wieder ein Befund (siehe Abb. 3).

In der weiteren Auswertung des Sichtbefundes im Stand (hier nur kurz im Zusammenhang geschildert) zeigte sich ein Knicksenkfuß, der auf der linken Seite (das linke Bein wird funktionell kürzer).
Dies bestätigte sich auch in der Ganganalyse bei genauer Betrachtung der Belastungsphase. Hier kippte der Talus über den Calcaneus nach vorne/innen weg, was zu einem Abflachen des medialen Längsgewölbes und zu einer Verlängerung des medialen Hebels führt. Es kommt zu einem Ausweichen des Vorfußes in eine relative Abduktion, was bei einer Betrachtung der Patientin von hinten gleichzeitig auch mehr Zehen lateral erkennen lässt. Durch das Abkippen des Talus nach innen, weicht der Calcaneus als distaler Gelenkpartner des Talus in Valgusstellung aus und Tibia und Fibula als Proximale Gelenkpartner folgen bedingt der Rotationsbewegung des Talus. Der Unterschenkel folgt somit in eine Endorotation. Der Oberschenkel, der sich physiologisch eher in einer leichten Außenrotation befindet, dreht nach geraumer Zeit ebenfalls in die Endorotation. Durch das Nach-Innen-Drehen des Oberschenkels, rotiert der Femurkopf in der Gelenkpfanne nach dorsal. Es kommt durch die relative Annäherung von Ansatz und Ursprung zu einer Verkürzung der Mm sartorius und iliopsoas. Die Beckenschaufel und das Kreuzbein kippen nach anterior und drehen nach Außen (das Bein wird funktionell länger)

Das Iliosacralgelenk wurde somit mehr oder weniger zur Ausgleichstelle, was aber wegen der geringeren Bewegungsamplitude im ISG nicht vollständig gelingt. Deshalb blieb bei unserer Patientin das linke Bein mit der ausgeprägten Fußfehlstellung funktionell das kürzere Bein. Die Ursache der ISG-Beschwerden und der funktionellen Beinlängendifferenz waren also nicht die reversiblen Blockaden im ISG, sondern eine massive Fußfehlstellung.

Blockade lösen
Für unsere Therapie jedoch war das Lösen der ISG-Blockade ein erster, wichtiger Schritt, da das ISG nicht nur anatomisch, sondern auch funktionell zwischen Hüftgelenk und LWS liegt. Biomechanisch betrachtet gibt es keine eigenen Bewegungsmuskeln zwischen Ilium und Sakrum. Es erfolgt eine Sakrumbewegung rein passiv durch das Einwirken der Gewichtsbelastung von kranial, und von kaudal durch die Gegenkräfte der Extremitäten her.

Damit es zu keinen funktionellen Störungen der kranialen Gelenkpartner (LWS) und der caudalen Gelenkpartner (Hüftgelenke) kommt, ist eine intakte Funktion der ISG unabdingbar.

Behandlung im Team
Zur Behandlung der primären Ursache wurde der Rat eines Orthopädieschuhmachers eingeholt. Die Folge: Frau R. wurde mit sensomotorischen Einlagen nach Jahrling versorgt.

Hierdurch soll reaktiv ein "motorisches Training" der längsgewölbestabilisierenden Muskulatur erreicht werden, so dass der Talus durch physiologische Muskelarbeit (T. Posterior, Flexor Hallucis Longus, Flexor Digitorum Longus) aus der "Fehl-Position" aufgerichtet wird. Somit würde die pathologische Kette, wie oben aufgeführt, in eine funktionelle Kette umgewandelt. Die erste Reaktion lässt hoffen - sofort nach der Mobilisation mit anschließender Versorgung war die Patientin schmerzfrei. Wir hoffen, dass unser Therapiekonzept in Verbindung mit den sensomotorischen Einlagen aufgeht. Äußerst positiv jedenfalls war die Zusammenarbeit zwischen Arzt, Orthopädieschuhmacher, Patient und Physiotherapeut. Leider verlaufen nicht alle Versorgungen so tadellos unter der Zusammenarbeit der oben angeführten Beteiligten.